Rückblick auf die Geschichte der Stadt Brüssow

Brüssow, den 22.08.2012

Von Zeit zu Zeit ist es angebracht nicht nur in die Zukunft zuschauen sondern auch einmal den Blick rückwärts auf die Stadtgeschichte zu werfen.

Im heutigen Fall richtet sich der Blick auf den Anfang der sechziger Jahre, die noch immer deutliche Spuren in der Stadt hinterlassen haben. Dabei denken wir an solche Projekte wie die Badeanstalt, die Freilichtbühne, unser Heimatmuseum und an den Brüssower Karnevalsklub (BKK).  Ihre „Geburtsstunden“ lagen in diesem Zeitraum.

 

Ein weiteres „Geburtstagskind“ soll nicht vergessen werden, es ist das

 

Motorgüterschiff  BRÜSSOW.

 

Das MS BRÜSSOW wurde vor nunmehr 50 Jahren beim  VEB Elbewerft Boitzenburg gebaut und beim Stapellauf 1962 auf den Namen unserer Stadt getauft. Durch den VEB Binnenreederei Berlin in Dienst gestellt, war das MS BRÜSSOW bis 1990 bei dieser damals staatlichen Reederei im ständigen Einsatz. Nach der Wende gestaltete sich das Schiffsleben des MS BRÜSSOW recht wechselvoll. Gegenwärtig liegt das Schiff an der Koppelstelle in Eisenhüttenstadt im „Oder – Spree – Kanal“ festgemacht und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

Das Schiff mit der Baunummer 365 entstammt einer Serie aus insgesamt 22 baugleichen Schiffen der Typenreihe „Boitzenburg“. Das MS BRÜSSOW  hat eine Schiffslänge von 66,96m, ist 8,19m breit und hat einen Tiefgang von 2,35m.  Das Schiff kann 922 Tonnen Ladung aufnehmen. Für eine kraftvolle Fahrt sorgt ein Dieselmotor vom Typ 8 NVD 36 A des VEB SKL Magdeburg mit 309 kW Leistung.

 

 

 

Abb.:  MS BRÜSSOW am 07.03.2012 in Eisenhüttenstadt (Foto: E. Brosinsky)

 

Schiffe dieses Typs hatten in der Regel eine Stammbesatzung von 4 Personen, bestehend aus dem  Schiffsführer, dem Steuermann (Maschinist) und  2 Bootsleuten. Dazu kamen zu „DDR-Zeiten“ meist noch 2 Lehrlinge, die an Bord den praktischen Teil ihrer Berufsausbildung absolvierten.

Wie auch ihre Schwesterschiffe wurde das MS BRÜSSOW überwiegend für den Transport von Stück- und Schüttgütern auf den europäischen Binnenwasserstraßen eingesetzt. Aber auch Fahrten bis nach Stralsund und in den Überseehafen Rostock wurden mit diesem Schiff bis in die 80ziger Jahre durchgeführt.

Ab 1990 gehörte das MS BRÜSSOW zur Flotte der Deutschen Binnenreederei AG und wurde ab 1996 vermietet betrieben. Durch die gravierenden Veränderungen in der Binnenschifffahrt nach 1990 ging der Pflege- und Wartungszustand des Schiffes insgesamt zurück. Daran konnten auch mehrere Werftliegezeiten (u.a. 2006 Magdeburg und 2008 Genthin) im Wesentlichen nichts ändern.

Auch von Havarien blieb das MS BRÜSSOW nicht verschont. Am Nachmittag des 11. Juni 1970 kollidierte das Schiff mit einer Brücke in  Parey (Elbe), dabei wurde das Steuerhaus schwer beschädigt und musste gegen ein Holzsteuerhaus ausgetauscht werden. Erst in den 80er Jahren bekam das Schiff sein heutiges „Rosslauer“ Steuerhaus vom außer Dienst gestellten MS Bukau, (dieser war vom Typ Rosslau) und verlieh somit dem Schiff sein ganz besonderes Markenzeichen an dem es für Schiffsfreunde schon von weitem gut erkennbar war. 

Im Jahr 2009 war das MS BRÜSSOW bei Finkenwerder in eine Kollision mit  dem Binnenschiff „KATY - B“ verwickelt. Dabei wurde die „KATY - B“ durch einen Anker der BRÜSSOW so sehr beschädigt, dass sie Leck schlug  und später sank. In Folge dessen entstanden hohe Kosten, über die zwischen dem Eigner und der Reparaturfirma letztlich ein Rechtstreit entstand in dem per Gerichtsbeschluss das MS BRÜSSOW an seinem heutigen Liegeplatz – als Pfand - angekettet wurde. Seit diesem Tag liegt das Schiff – zwangsweise außer Dienst gestellt – nunmehr seit 3 Jahren in Eisenhüttenstadt fest.

Die Spuren der Zeit sind am Schiff unübersehbar. Ob das MS BRÜSSOW jemals wieder in Fahrt kommt und auf den Binnenwasserstraßen unterwegs sein wird, ist gegenwärtig völlig ungewiss.

Eine Jubiläumsfeier zum „50. Geburtstag“ des MS BRÜSSOW wird es mit Sicherheit nicht geben  -  aber die Erinnerung an das Schiff, das den Namen unserer Stadt so viele Jahre über die Flüsse und Kanäle getragen hat, sollte uns im Gedächtnis bleiben.

 

Einhard Brosinsky

 

P.S.: Lesern, die Interesse an der Geschichte der Binnenschifffahrt haben, empfehle ich einen Besuch der Homepage: www.ddr-binnenschifffahrt.de

 

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